Hintergrund
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08.10.2020 | Claudia Heber
Für einen kritischen Umgang mit der Linkspartei
Statement zum Kamingespräch zwischen Bischof Neymeyr und MP Ramelow
Zwei Tage nach dem Tag der Deutschen Einheit trifft sich Bischof Neymeyr mit dem Ministerpräsidenten der Linken
Erfurt - Als von Geburt an katholisch geprägt, habe ich selbst erlebt, wie schwierig und gefährlich es war, sich im Sozialismus als Schüler im Alltag offen zum katholischen Glauben zu bekennen. Mit den Freunden aus der katholischen Jugend habe ich die friedliche Revolution 1989 aktiv miterlebt. Ich erinnere mich, wie wir den Grenzzaun durchschnitten und anschließend gemeinsam Gottesdienst gefeiert haben.
Bischof Joachim Wanke hat zu uns auf einer Kinderwallfahrt gesagt, dass wir Mut haben sollen, unseren Glauben zu bekennen und dass wir uns nicht verstecken sollen. Christen im Osten waren etwas Besonderes, unser Bekenntnis war etwas Besonderes, weil es bittere Konsequenzen haben konnte. Diese besondere Glaubenserfahrung ist schwer für jemanden nachzuvollziehen, der hier nicht aufgewachsen ist. Allein deshalb finde ich es schwierig, das Thema "Heimat" in Erfurt mit zwei Menschen zu diskutieren, die im anderen Teil Deutschlands ihre Kindheit und Jugend verbracht haben. 

Ich weiß, dass der Katholikenrat des Bistums dafür geworben hat, am Tag der Deutschen Einheit einen Festgottesdienst zu halten. Dies nicht zu tun und dann in solch zeitlicher Nähe zu diesem Jubiläum ein Gespräch mit dem linken Ministerpräsidenten zu führen ist für viele schwer erträglich. Mir persönlich erschließt sich auch nicht, welches Zeichen unser Bischof damit setzen will. Natürlich muss man als Oberhaupt des Bistums auch mit den gewählten politischen Verantwortungsträgern sprechen. Aber dieser Ministerpräsident vertritt die Partei, die dieses damals überwundene Unrechtsregiem getragen und ermöglicht hat. Und so ein Gespräch über "Gott und die Welt" in der Nähe eines solchen Datums und Ereignisses, ohne es auch nur einmal zu erwähnen, zeugt nicht unbedingt von politischem Fingerspitzengefühl.           
 
Bischof Neymeyr hat in dem Gespräch gesagt, er rechne es dem Ministerpräsidenten hoch an, dass er sein Amt überparteilich ausübe und nur in der Partei beheimatet sei. 
 
Natürlich bin ich da ganz anderer Meinung. In mehr als 25  Jahren politischer Arbeit erlebe ich, wie die Linke versucht, sich eine bürgerliche Fassade zu geben.Ein Bischof ist in erster Linie Seelsorger und kein Politiker und das ist auch gut so. Wir Christen aus der ehemaligen DDR sind da aber sensibler, weil wir erlebt haben, was diese Ideologie angerichtet hat. Vielleicht müssen wir diese Erfahrungen noch intensiver und offener mit unserem Bischof teilen. 
Ramelow macht das sehr geschickt. Er erzählt nette Geschichten, mit denen sich jeder schnell identifizieren kann und die einen sympathischen Landesvater ausmachen.Man muss schon zweimal darüber nachdenken, wenn er sagt, der Machtapparat habe die Menschen in der DDR kaputt gemacht. Er vermischt sehr geschickt die persönliche Lebensleistung der Menschen mit einem abstrakten Apparat. Aber dieser Apparat war nicht abstrakt sondern von Menschen gemacht, die oft bis heute ihre Verantwortung leugnen oder negieren und die bis heute in dieser Partei Positionen bekleiden. Und er blendet völlig aus, dass hinter diesem Machtapparat und dem Alleinvertretungsanspruch der SED eine Ideologie steht, die diese Partei bis heute nicht abgelegt hat und Bodo Ramelow ist das Aushängeschild dieser Partei. Auch wenn er sich gern als Eigenmarke sieht. Darüber hätte man sprechen können.     

In Ihrem Erfurter Programm fordert die Linke den "Systemwechsel" und die gesellschaftliche Transformation zum demokratischen Sozialismus. Das ist ein Angriff auf unsere freiheitlich demokratische Grundordnung, die wir als Christen nicht hinnehmen dürfen. Die Linke ist überzeugt, dass die Ideen richtig sind, aber eben nur nicht richtig in der DDR umgesetzt wurde. Die Opfer blendet sie völlig aus.
Bei der Forderung nach mehr demokratischer Mitsprache in Betrieben, klingeln bei jedem, der in einem VEB gearbeitet hat, die Ohren. Das Thema Privateigentum ist der Linken ein Dorn imAuge. All diese gescheiterten Ideen werden doch weiterhin verfolgt. Natürlich zieht es gerade Christen an, wenn eine Partei sich vehement als Anti-Kriegspartei feiert. Die Wahrheit ist aber, dass die Linke den Austritt aus der NATO fordert und damit humanitäre Hilfe ablehnt und auf der anderen Seite autokratische Systeme hofiert, wie etwa in Venezuela, wo eine Diktatur bejubelt wird. Was ist mit den Verflechtungen zu linksextremistischen Gruppen, wo Gewalt plötzlich in Ordnung ist? Was ist mit dem Lebensschutz? Als Christen sind wir überzeugt, dass jedes Leben gleich viel wert ist, Ich könnte die Liste fortsetzen. Nein, die Linke ist mehr als die netten Erzählungen des Ministerpräsidenten und ich wünsche mir, dass auch meine Kirche hinter diese Fassade schaut und kritische Fragen stellt. 

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